Weltmeisterschaft in Cali / Kolumbien

Am Samstag, den 19.09.2015 machten wir uns zunächst alle sehr früh mit dem Auto auf den Weg, um dann mitten in der Nacht an den unterschiedlichen Haltestellen in den Reisebus zu steigen. In Göttingen gestartet, fuhren wir über sieben Stunden zum Flughafen nach Amsterdam. Nach einem aufregenden Check­In, bei dem wegen Überbuchung noch nicht alle Mitreisende auch einen Sitzplatz erhielten, ging es erstmal durch die Sicherheitskontrolle zum Gate. Dort trafen wir auch schon auf eine Konkurrenz: die Formation aus Monza flog mit uns nach Cali. Am Gate konnten wir schließlich die Sitzplatzfrage klären und so ging es kurz darauf für gute elf Stunden in die Lüfte . Nach einem Zwischenstopp in Calis Hauptstadt Bogotá flogen wir direkt weiter zum Zielort. Als wir gegen 20 Uhr Ortszeit dort ankamen, erwarteten uns eine ungewohnte Hitze und der offizielle Shuttle, der uns zum Hotel bringen sollte. Doch offensichtlich hatte der Veranstalter mit der riesigen Gepäckmenge einer 36köpfigen Delegation nicht gerechnet. Der kleine Kofferraum des Busses war schnell gefüllt und so musste ein weiterer Wagen bestellt werden.

Dieser stellte sich dann als Pick­Up heraus, dessen Ladefläche abenteuerlich mit Koffern bestückt wurde. Begleitet von einer Polizeieskorte, die für uns jede Kreuzung und jeden Kreisel freimachte, ging es dann endlich zum Hotel, wo wir direkt in die Betten fielen.

Der erste Trainingstag in Cali

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen war von Schonzeit nicht die Rede. Das erste Training stand für 11:30 Uhr auf dem Programm und so setzten wir uns in Vierergruppen in ein kleines gelbes Taxi und machten uns auf den Weg zur Halle. Dies war unsere erste Erfahrung mit dem Verkehr Calis. Zusammengedrängt und mit Sporttaschen auf dem Schoß saßen wir in den Taxen und der jeweilige Taxifahrer raste durch die überfüllten Straßen der Stadt. Verkehrsregeln, Ampeln und Zebrastreifen scheinen dort eindeutig nur Empfehlungen zu sein. Hupen und Sirenen nahmen wir schon bald nur noch als dauerhafte Hintergrundmusik wahr. Überraschend unversehrt an der Trainingshalle angekommen, warteten wir auf die nachkommenden Taxis mit dem Rest des Teams. Währenddessen stellten wir fest, dass wir vor einer religiösen Versammlungsstätte standen, in der gerade ein Gottesdienst abgehalten wurde. Es dauerte keine Minute bis uns der Pfarrer ansprach, um zu helfen und nicht viel länger dauerte es bis sich ein Polizist demonstrativ neben uns aufbaute. Ein weiterer folgte und nachdem alle Teammitglieder angekommen waren, führte uns der kleine Polizeitrupp zur Trainingshalle, welche sich als große überdachte Außenbahn mit einem Bodenbelag aus Plastikfliesen herausstellte. Geschafft vom Jetlag und überwältigt von den vielen neuen Eindrücken, hatte es dieses erste Training wirklich in sich. Zu kämpfen hatten wir auch mit der Hitze und Calis Höhenlage von über 1000m. Außerdem kam hinzu, dass sich der Boden statisch auflud und wir irgendwann Stromschläge bekamen, die zwar nicht gefährlich, aber doch sehr unangenehm waren. Regelmäßige Pausen, um zu Trinken und uns an der Bande zu entladen, waren also nötig. Als wir nach insgesamt zwei Stunden Training die Kür noch einmal laufen sollten, streikten die Muskeln. Kreislaufprobleme und auch blaue Flecken ließen nicht auf sich warten. So viel Wasser wie in diesem Training hatten wir vermutlich noch nie getrunken. Zum Glück waren die mitgereisten Eltern vorbereitet und füllten die Flaschen regelmäßig auf. Nach dem Training ging es für eine (vorwiegend kalte) Dusche zurück ins Hotel und danach direkt zur Eröffnungsfeier in die offiziellen Halle. Alle Sportler stellten sich nach Nationen geordnet draußen hinter dem Gebäude auf und auch hier waren wieder Polizisten und zusätzlich bewaffnete Soldaten präsent. Unterstützung erhielten sie durch die kolumbianische Air­Force, die als Schilderträger fungierten. Die Wartezeit von über zwei Stunden zog sich allerdings ganz schön hin und dem ein oder anderen knurrte inzwischen der Magen. Nach dem Aufmarsch und einigen Reden von Offiziellen und Politikern wurden wir wieder aus der Halle und auf die Tribüne geführt. Dort waren wir schon sehr froh das weitere Programm auf einem Sitzplatz und mit einer Flasche Wasser sehen zu können. Anschließend im Hotel ging es dafür sofort zum Essen und danach fielen wir abermals ganz schön fertig in die Betten.

Doch schon am nächsten Tag merkten wir, dass wir uns bereits deutlich besser auf das Klima eingestellt hatten. Am Vormittag gab es ein wenig Freizeit und für das Training wurde diesmal ein Bus organisiert, der uns zur Halle fuhr. Das Training verlief schon deutlich besser als am Vortag, sodass wir nach eineinhalb Stunden ganz zuversichtlich die Rollschuhe abschnallten. Anschließend fuhren wir wieder in die Wettbewerbshalle, um die deutschen Einzelläufer und natürlich unsere Merle Werner bei den Junioren Solotänzerinnen anzufeuern.

Training auf der Außenbahn

Den Dienstag starteten wir mit einem Training auf einer anderen Außenbahn. Auf dem Weg dorthin erhielten wir auch gleich eine ungewollte Stadtrundfahrt, da der Busfahrer nicht so ganz genau wusste, wo sich die Anlage befand. Der Halle konnte man ihr Alter ansehen, was sie aber nicht weniger schön machte. Man merkte deutlich, dass Sport in Kolumbien groß geschrieben wird. Die aber doch eher huckelige Parkettbahn und die zwei Nägel, die aus dem Boden herauskamen, musste man natürlich ignorieren. Also legten wir los mit dem Training. Da wir uns zunächst auf den ungewohnten Boden einstellen mussten, gab es leichte Startschwierigkeiten, doch nach einigen Läufen wurde es spürbar besser. Im zweiten Kür­Durchlauf passte dann leider eine Lücke nicht und das Resultat war eine blutende Platzwunde am Kopf, die aber sofort durch unseren Choreographen Gert Hofmann versorgt wurde. Desinfektion und Klebestreifen waren schnell zur Hand und auch Kühlbeutel waren zum Glück dabei, sodass keine Fahrt ins Krankenhaus notwendig war. Der Läuferin brummte der Schädel und sie pausierte den Rest des Tages, aber es ging ihr schon bald wieder besser.

Besuch der Deutschen Schule in Cali

Am Nachmittag besuchten wir die Deutsche Schule in Cali. Der Direktor hatte uns eingeladen und wir nutzten gern die Chance, um dort ein Trockentraining zu absolvieren und einen Blick in den Schulalltag Kolumbiens zu werfen. Die Deutsche Schule startet bereits im Kindergartenbereich und auch hier spürte man überall die Sportbegeisterung. Auf sechs Hektar hatte die Schule eine eigene Sportanlage für Leichtathletik, eine überdachte Betonfläche und ein Schwimmbad. Die Kinder begrüßten uns neugierig und schauten beim Training zu. Einige übten ihr Deutsch und interviewten uns für ein Schulprojekt.

Am Mittwoch besuchten wir noch einmal die deutsche Schule und trainierten dort einige Abläufe auf Sport­- und Rollschuhen. Anschließend stand das letzte Training vor dem Wettkampftag in der Trainingshalle an. Vor und nach uns trainierten unsere Konkurrenten aus Italien und Argentinien, die ebenfalls sichtlich mit der dünnen Luft und ihrem Kreislauf kämpften. Wir hatten uns inzwischen mehr und mehr an das Klima gewöhnt, sodass das Training gut verlief und wir zuversichtlich in den Wettkampftag starteten.

Der Wettkampftag

Dieser begann wie immer mit Rührei, Obst und frischgepressten Säften am Morgen. Anschließend Abfahrt mit dem Shuttle­Bus zur Wettkampfhalle, wo wir uns aufwärmten und zum ersten Mal die Fläche, die hier gefliest war, betraten. Der Boden lief super und wir kamen sofort damit zurecht. Die erste Kür im Training war noch etwas vorsichtig, aber in der zweiten hatte sich dies gegeben. Anschließend zogen wir nur schnell die Rollschuhe aus und liefen zum Shuttle, der wenige Minuten nach unserem Training abfuhr. Der Busfahrer war es vermutlich inzwischen gewöhnt, Sportler mit hochroten Köpfen zu transportieren. Im Hotel dehnten wir uns noch im Gymnastikraum aus und nachdem wir unsere Sachen im Hotelzimmer abgeladen hatten, genossen wir unsere, von den Eltern organisierten, Sandwiches auf der Pool­-Terrasse. Anschließend begannen wir mit der Vorbereitung ­ also mit dem Styling der Haare und des Make­ups. Unser Wettbewerb begann erst um 21:00 Uhr, sodass wir ausreichend Zeit hatten und gegen 17:30 Uhr auch noch mehr oder weniger entspannt zu Abend essen konnten. Die Aufregung stieg als wir am Abend mit dem Bus zur Halle fuhren und kurz darauf auf der Tribüne hockten, um den vorherigen Wettbewerb anzuschauen. Beim Warm­up mit Nadine waren wir dann allerdings schon wieder in unserer Routine. Schnelles Umziehen auf dem Gang, da die Kabine zum einen nicht aufgeschlossen war, zum anderen keinen Platz für 22 Personen bot und schon ging es in den Bereich vor der Bahn. Dort hielten sich alle Sportler auf und nutzten die Gelegenheit sich einzulaufen. Der Vorraum war mit den Formationen gefüllt und man spürte die Energie, die sich vor einem Wettbewerb auflädt. Wir stellten uns in einen Kreis, hielten uns an den Händen und schauten uns noch einmal in die Augen. Als wir unsere Augen schlossen, um die Aufregung wegzuatmen, musste wohl jeder noch einmal daran denken, welchen langen Weg wir bis zu diesem Moment gegangen waren. Als wir vor die weiße Wand traten, die den Vorbereich vom Wettkampfbereich trennte, zählte nur noch diese kommende Kür. Blaue Flecken und Platzwunden waren egal, Kreislaufprobleme vergessen. Es zählten nur diese fünf Minuten, die wir nun gemeinsam schaffen würden. Wir liefen auf und dann waren es nur noch wir und die Wertungsrichter, die in Cali ungewöhnlich nah an der Fläche saßen. Die Musik begann ­ leider nicht ganz am Anfang, denn der erste halbe Takt fehlte. Aber wir liefen weiter und die Kür verlief wie im Flug. Jeder war bei der Sache, wusste was er zu tun hatte und wir strahlten und rockten die Bahn. Alles lief perfekt, genauso wie wir es trainiert hatten und wie es an diesem Tag sein sollte. Und mit diesem Gefühl schmissen wir uns in das letzte "Yeah".

Diese Kür war uns noch besser gelungen als bei den Europameisterschaften und ohne Sturz. Mit strahlendem Lächeln und zufrieden mit unserer Leistung warteten wir auf die Noten der Wertungsrichter, die unverständlicherweise deutlich tiefer waren als in Bremerhaven. Sichtlich enttäuscht liefen wir von der Bahn und machten dem nächsten Team Platz. Aber so ist es nun mal in unserer Sportart ­ letztendlich kann man sie leider nicht messen, sondern wird von Menschen bewertet. Auch bei anderen Formationen hätten wir eine andere Bewertung erwartet und das Endergebnis ist nicht unbedingt das, welches wir so gesehen hätten. Wir landeten auf dem vierten Platz und natürlich waren wir zuerst enttäuscht. Aber nach dem wir ein paar Mal durchgeatmet und uns auch mit den Trainern ausgesprochen haben, sind wir nun stolz darauf, was wir in Cali und in dieser Saison geschafft haben. Der Weg war wahrlich nicht einfach... und schließlich sind wir immer noch Europameister und das viertbeste Team der Welt.

Letzte gemeinsame Tage in Cali

Die letzten beiden Tage in Cali verbrachten wir gemeinsam mit der Besichtigung einer Kolibri­-Farm und der Christus­-König-­Statue sowie im Pool und beim Shopping. Natürlich feuerten wir am Freitag noch die Deutschen Senioren-Einzelläufer an. Am Samstag um 16:30 Uhr fuhr uns der Shuttle­-Bus ­ diesmal gleich mit extra­-Bus für unsere Koffer ­ zum Flughafen Cali.
Im Gepäck: unglaubliche Erfahrungen, Bilder der Stadt und der vielen Menschen, die uns trotz Sprachbarrieren freundlich aufgenommen haben und immer hilfsbereit waren, sowie das Gefühl, dass wir gemeinsam genau das geschafft haben, was wir erreichen wollten. Die eine Zahl im Endresultat kann nicht annähernd das ausdrücken, was wir bei dieser WM als Team eigentlich gewonnen haben.

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