Vertrauen, Hoffnung, Angst, Nervenkitzel

Zeitungsbericht von Alena Riemenschneider:
Einbeck. Nicht nur im Fußball, Handball oder bei der Leichtathletik wird erfolgreich an internationalen Wettbewerben teilgenommen. Auch im Rollkunstlaufen gewinnen deutsche Sportler Medaillen für das eigene Land. Die Meisterklasse-Formation „Dream Team“ mit Rollkunstläufern aus Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen zählt seit Jahren zum deutschen Nationalkader.
Das Team: Elf Läuferinnen aus Einbeck sind Teil der 26-köpfigen Gruppe um Trainerin Annette Ziegenhagen-Gielnik, die ebenfalls in Einbeck beheimatet ist, und Choreograf Gerd Hoffmann aus Berlin. Insgesamt 25 Läuferinnen und ein Läufer im Alter von 13 bis 35 Jahren trainieren so gut wie jedes Wochenende bis zu 15 Stunden in Einbeck, Wolfsburg oder Göttingen für ihren sportlichen Traum, die Besten zu sein. Viele stehen seit ihren jüngsten Kindertagen auf Rollschuhen.
Wer sich für das Formationslaufen entscheidet, muss Prioritäten setzen, denn das Team funktioniert nur im Ganzen. Formationslaufen ist zeitintensiv und fordernd. Die Familie muss hinter den Sportlern stehen und sie unterstützen.
Die Geschichte: Das „Dream Team“ gilt nicht nur als eine der erfolgreichsten Formationen weltweit, sondern war auch Pionier auf diesem Gebiet. 1993 gründete Trainer Wolfgang Grampp (verstorben 2011) eine Eiskunstlauf-Formation, da es im Rollkunstlaufen noch keine Formationswettkämpfe gab. Noch mit Kufen unter den Schuhen nahm das „Dream Team“ an nationalen Wettbewerben teil. Da die meisten Teammitglieder damals sowohl Eis- als auch Rollkunstläufer waren, präsentierte das Team zwei Jahre später bei den Deutschen Rollkunstlaufmeisterschaften zum ersten Mal das Formationslaufen. Der Verband war überzeugt und nahm die Disziplin offiziell in das Programm auf.
Viele andere Vereine waren von der Idee begeistert und es gründeten sich deutschlandweit weitere Formationen. Hauptsächlich auf Rollen unterwegs, fuhr das „Dream Team“ in den folgenden Jahren viele Titel ein. Nachdem die Disziplin 1999 unter dem Namen „Precision Skating“ auch in das internationale Programm aufgenommen wurde, feierte das „Dream Team“ in Australien den ersten Formations-Weltmeistertitel in der Geschichte. Seitdem steht das Team für höchsten Anspruch und Präzision.
Das Programm: Viereinhalb Minuten dauert das Kürprogramm – derzeit zu der Musik aus dem Musical „Les Misérables“. 270 Sekunden pures Adrenalin, blindes Vertrauen in die Teamkollegen, Hoffnung, Angst, Nervenkitzel. Beim Wettbewerb gibt es nur eine Chance, um die Leistung aus dem Training abzurufen. Danach liegt die Benotung in den Händen der Wertungsrichter. Das Programm besteht aus Pflichtelementen wie Kreisen, Kreuzungsmanövern und Linien, bietet aber auch Spielraum für künstlerische Elemente und Innovationen. Zeigt eine Gruppe etwas vorher noch nie Dagewesenes, hat sie das Publikum auf ihrer Seite. Der Schwierigkeitsgrad des Programms hängt unter anderem von Laufrichtung, Handhaltung, eingebauten Schrittkombinationen und der Laufgeschwindigkeit ab. Benotet werden neben der Schwierigkeit der Elemente auch die Ausführung und Gleichmäßigkeit.
Ebenfalls spielen der Ausdruck und die Präsentation sowie das Zusammenwirken aller Läufer eine große Rolle. Dabei ist auch die entsprechende Kleidung wichtig. Passend zur Musik werden Kleider entworfen, genäht und mit hunderten Strasssteinen verziert. Die seltene Höchstwertung von 10,0 hat das „Dream Team“ schon einige Male erhalten – unter Freudentränen.
Die Konkurrenz schläft nicht und wird experimentierfreudiger, baut riskante Manöver ein. Italien und Argentinien haben immer öfter die Nase vorn. Um ganz oben auf dem Treppchen zu stehen, muss das „Dream Team“ eine überragende Saison laufen. Der Moment, wenn die deutsche Fahne nach oben gezogen und die Nationalhymne gespielt wird, ist ein unbezahlbares Erlebnis.
Die Erfolge: Das „Dream Team“ wurde bisher fünf Mal Weltmeister, drei Mal Europameister, zuletzt 2015, und holte 13 Mal den Deutschen Meistertitel. Auf viele weitere Vize-Titel im internationalen und nationalen Bereich sowie Bronzemedaillengewinne können die Sportler zurückblicken. Seit sechs Jahren ist das Team auf nationaler Ebene ungeschlagen (Gewinn der Landesmeisterschaft, Norddeutschen- und Deutschen Meisterschaften). 2002 wurden die Läufer mit der höchsten deutschen Sportauszeichnung – dem Silbernen Lorbeerblatt – für ihre Erfolge geehrt.
Der Nachwuchs: Neben den 26 derzeit Aktiven verzeichnet das Team fast 70 ehemalige Läufer aus mehr als 15 Vereinen Deutschlands, die Teil der „Dream Team“-Geschichte sind und den Erfolgsweg mit geebnet haben. Für den Nachwuchs im Formationslaufen sorgen in der jüngeren Altersklasse die Juniorenmannschaft und in der jüngsten Formationsklasse das „Cadetten Dream Team“. Während im „Junioren Dream Team“ einige Läuferinnen aus Einbeck vertreten sind, besteht das Cadetten-Team komplett aus Sportlern des RSV Einbeck. Darüber hinaus kommt der Nachwuchs auch aus der Einzelsportriege der Vereine.
Der Hintergrund: Rollkunstlauf ist eine Randsportart und nicht olympisch. Das mag an der Ähnlichkeit zum Eiskunstlaufen liegen, aber auch an der fehlenden Aufmerksamkeit, die der Sport bekommt. Sponsoren sind rar: Anfallende Kosten tragen die Sportler selbst.
Gerade bei den jüngeren Sportlern, die noch zur Schule gehen, gibt die Familie den nötigen Rückhalt. Die Fahrten am Wochenende durch ganz Niedersachsen zum Training sind nicht nur zeit-, sondern auch kostenintensiv.Die Familie ist finanziell gefordert und muss sowohl die Fahrtkosten zu nationalen Meisterschaften, als auch die Teilnahme- und Reisekosten bei internationalen Wettbewerben decken. Aufgrund der Tatsache, dass EM und WM in jedem Jahr stattfinden, konnte das Team trotz Nominierung aus finanziellen Gründen an einigen Wettbewerben nicht teilnehmen – was aber der Freude und der Motivation am Formationslaufen keinen Abbruch tut.

Die Zukunftspläne: Am 28. September geht für das Team der Flieger zu den Weltmeisterschaften nach Novara, Italien. Im Gepäck: Ein überarbeitetes, mit Schwierigkeiten durchsetztes Kürprogramm, das zuletzt im April bei den Europameisterschaften die Bronzemedaille einbrachte, sowie der Ehrgeiz und die Motivation mit einer Medaille nach Hause zu kommen. Nach zwei vierten WM-Plätzen 2014 in Spanien und 2015 in Kolumbien ist das Ziel hoch gesteckt, die Konkurrenz stark. Doch das Team ist fokussiert und bleibt optimistisch.
Und nach dem Saisonhöhepunkt Weltmeisterschaft? Von Pause oder Urlaub ist keine Rede, denn das Training für die Europameisterschaften 2017 in Frankreich schließt sich direkt an. Auch dort will das „Dream Team“ wieder angreifen und Familie und Fans stolz machen.

Veröffentlicht in:
AZ Alfelder Zeitung & Niedersächsische Volkszeitung Dobler GmbH & Co. KG
am Sonnabend, 17. September

Bilder von Kyrulf Petersen

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